Die vierte Frage

Wo kämen wir hin,
wenn jeder sagte,
wo kämen wir hin –
und keiner ginge,
um zu sehen,
wohin wir kämen,
wenn wir gingen?

Kurt Marti

Ein wunderbarer Satz des schweizer Pfarrers, einfach und tiefgründig.

Ja, wo kämen wir hin, wenn wir unsere Neugier, unseren Mut verlören, eingetretene Pfade zu verlassen und geistiges wie terrestrisches Neuland zu betreten? Wo stünden wir als Menschheit heute, wenn unsere Vorfahren keine Neugier, keine Phantasie, keinen Mut besessen hätten? Die Antwort ist recht einfach: Vermutlich wären wir noch immer Jäger und Nomaden. Oder: Miss Evolution (wie der Autor Frank Schätzing sie in »Der Schwarm« nennt) hätte uns längst ausrangiert.

In die Zukunft blickend stellt sich uns die Frage auch so: Wo kommen wir hin, wenn wir ohne zu schauen und ohne Verstand auf ausgetretenen Wegen weitergehen, und wo könnten wir hinkommen, wenn wir einmal nach rechts oder links schauen, mal anhalten, einen Umweg machen, uns weniger beeilen – wo wir doch ohnehin noch kein wirkliches, gemeinsames Ziel haben? Wenn wir weniger von Gegensätzen und mehr von Gemeinschaft reden würden?

»Das haben wir schon immer so gemacht«, »Das geht aber nicht anders«, »Das kostet Arbeitsplätze«, »Ja, aber die anderen …«, »Die haben aber angefangen …« usw., usw. – das sind doch unsere liebsten Totschlagargumente gegen jede Veränderung. Warum fällt es uns so verdammt schwer, Dinge kreativ zu ändern und unseren im Grunde noch vorhandenen gesunden Menschenverstand zu benutzen? Uns stehen doch auch andere Handlungsmöglichkeiten offen. Uns, die wir die globalen Probleme mit verursacht haben, uns, die wir diplomatisch oder mit Kriegsgerät und Armeen die Konfliktherde einzudämmen versuchen, und uns, die wir uns bislang nur protestierend und mit nicht selten sinnloser Gegengewalt oder immer auch wieder geblendet von schlechtem laut verkündeten Gedankengut unreflektiert auf die Straßen begeben.

Wir suchen nach Antworten auf Fragen und nach Lösungen für Konflikte immer wieder auf derselben Ebene: Schreit mich einer an, schreie ich zurück, schlägst du zu, schlage ich zurück. Hast du eine Bombe, baue ich mir auch eine. Fällt ein Kind in der Schule zurück, muss es sich mehr anstrengen oder gilt als zu dumm. Geht uns das Geld aus, greifen wir zum nächsten Kredit. Nach jeder Flut bauen wir stärkere Dämme, nach jedem Wirbelsturm verbessern wir die Frühwarnsysteme – und so weiter.

Lösen wir damit unsere Konflikte und Probleme?

Finden wir so die besten Antworten auf unsere Fragen? Gelangen wir so in eine lebenswerte Zukunft? Es ist doch längst eine Binsenweisheit: Erst wenn es uns gelingt, die Konfliktebene zu verlassen und das Ganze aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, steigt die Chance auf eine nachhaltige Lösung. Erst mit mehr Abstand erkennen wir, was da eigentlich passiert und wie eine kreative gute Lösung, eine bessere Antwort eventuell aussehen könnte.

Vielleicht höre ich einfach mal zu, bevor ich zurückschreie, vielleicht löst eine überraschende – gewaltlose – Reaktion die Prügelei auf, vielleicht bringt die Einladung zur Kooperation mehr als die eigene Gegenbombe, vielleicht ist ja das Schulsystem unfähig und nicht der Schüler. Vielleicht erspart uns die Frage »Wozu brauche ich das alles?« den nächsten Kredit. Und würden uns nicht ein vernünftiger Naturschutz und klimaschonenderes Wirtschaften besser vor Naturkatastrophen schützen, als diese sieben Minuten früher zu erkennen?

Wenn wir uns unsere kapitalistische globale Marktwirtschaft ansehen – einst als der heilige Gral aller Wirtschaftssysteme gepriesen –, dann scheint sich diese gerade selber ad absurdum zu führen. Nicht wenige Experten erwarten längst die nächste Finanzkrise. Vielleicht weniger, weil das System an sich nicht gut funktionieren könnte, sondern weil viele Hauptakteure zwar über Volkswirtschaft reden, aber nur im Eigeninteresse handeln. Und weil natürlich viele unter uns nach eigenen kurzsichtigen Regeln spielen und die (globalen) Folgen ihres Handelns nicht selbstkritisch betrachten. Oder – die schlimmere Variante – es ist ihnen allen einfach scheißegal.

Mal emotional gefragt: »Wie blöde können wir eigentlich sein, bei all unserer Fähigkeit zur Intelligenz?«

Ich warte auf den Tag, an dem der erste mutige Reporter auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus (oder bei einer Bundespressekonferenz in Berlin) fragt:

»Mr. President (Frau Bundeskanzlerin), welchen Beitrag leisten Sie mit Ihrer Entscheidung zum Thema XY zur Erhaltung der Welt?«. Donald Trump würde vermutlich schon die Frage gar nicht verstehen. Angela Merkel zwar schon, käme aber sicher auch erst mal ins Stottern.

Aber beklagen und beschweren dürfen wir Weltbürger uns deswegen nicht. Trump (wie überhaupt die meisten unserer Politiker) ist das konsequente Ergebnis dessen, was wir uns durch unser Verhalten selbst herbeigewünscht haben. Vielleicht im Nachhinein nicht wirklich gewünscht, aber doch herbeigeführt. Denn letztlich sind wir fast alle – auf die eine oder andere Art – leider genauso schlechte »Unternehmer« wie Trump & Co. und wollen das genauso wenig erkennen und wahrhaben. Einziger Unterschied: Wir haben weniger Macht und sitzen nicht an den Schaltstellen.

Oder doch? Ist unsere Schaltstelle nicht vielleicht viel mächtiger als all die, an denen die vermeintlich Mächtigen sitzen?

Aber wir suchen für die Probleme auf der Welt noch immer Auswege und Lösungen auf derselben Ebene, auf der sie entstanden sind. Indem wir zum Beispiel immer mehr Geld drucken. Oder immer mehr demonstrieren und protestieren oder an der Gewaltschraube drehen. Wir stecken fest in unserer »Komfortzone«, die doch nur für die allerwenigsten Menschen wirklich eine ist. Dass diese Wenigen sie nicht gerne aufgeben wollen, ist allzu menschlich. Und je mehr wir anderen da auch mit rein wollen (was genauso menschlich ist), desto größer wird der Widerstand, weil den Wenigen dämmert, dass diese (Konsum-)Komfortzone gar nicht groß genug für uns alle ist. Wir stoßen mit unseren Bedürfnissen zunehmend an Grenzen und müssen uns damit auseinandersetzen.

Machen wir hier eine Zäsur und betrachten vor Beginn unseres Rundgangs durch unser visionäres Unternehmen Erde noch kurz einen kleinen Baum …