Die dritte Frage

Geld macht Macht.
Macht macht Geld,
das Macht macht.

Manfred Hinrich

Wer hat in unserer heutigen Welt, und damit auch in unserer UEG, eigentlich das Sagen? Wer bestimmt, wo es langgeht? Allein zu dieser Frage ließe sich eine buchfüllende und dennoch nicht erschöpfende Antwort verfassen. Hier müssen wir uns, wie bei vielen anderen Themenpunkten in diesem Buch, radikal zurückhalten, sonst endet unsere Unternehmensbetrachtung erst bei Seite 4867.

Für mich wird immer deutlicher, dass uns global gesehen im Grunde nur eine überschaubare Handvoll Personen auf der Nase herumtanzt, von denen einige leider intellektuell zudem noch nicht den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft haben.

Machen wir dazu eine kurze Rechnung auf:

Nehmen wir einmal an, dass in jedem unserer gerundet 200 Staaten auf der Welt jeweils pi mal Daumen 50–200 Personen politisch und wirtschaftlich im Kern die Geschicke eines Staates lenken. Das Staatsoberhaupt bzw. der Präsident, der Kanzler, Minister, Banker, Vorsitzende großer Unternehmen bzw. Branchen und noch ein paar weitere Lobbyisten, Oligarchen, je nach Staatsform unterschiedlich und mit anderen Titeln. Dann sind das bei 200 Staaten nicht mehr als 40.000 Personen. Glauben wir den Weltbankstatistiken von 2008 und Jean Ziegler, sind es als Finanz- und Wirtschaftsmacht sogar im Kern nur 500 Firmen/Banken, plus deren »Mitspieler«, »Dulder« und »Profiteure«. Aber lassen wir ruhig mal die Zahl 40.000 Akteure so stehen. Welcher Couleur auch immer sie angehören mögen. Kommt auch nicht so darauf an.

40.000 Personen in unserer Heute-noch-nicht-UEG lenken also mehr oder weniger die Geschicke unserer heutigen Welt oder helfen direkt oder indirekt mit, unsere UEG zu gestalten. Beziehungsweise zu verunstalten. Und wir übrigen bald acht Milliarden Mitbürger in allen Ländern lassen das bislang so zu und spielen zunehmend unlustig mit. Wie lange bitte, glauben wir, halten die 40.000 das durch, wenn wir acht Milliarden anderen aufwachen und sagen: »Nee, so wie ihr das da macht, wollen wir das nicht mehr. Gefällt uns nicht mehr. Ist nicht in unserem unternehmerischen und Gemeinwohl-Interesse.«?

Angenommen, wir – die große Masse – würden das morgen sagen und umsetzen, in vollkommener Einigkeit über die bessere Alternative. Dann, behaupte ich mal kühn, würde unsere heutige Realität in wenigen Monaten beginnen, sich zu verändern. Na gut, im schlimmsten Fall spätestens nach dem sinnlosen Verschießen der letzten Munition der 40.000, wovor uns deren Restverstand bewahren möge. Denn unter ihnen tummeln sich sicher auch etliche Militärs und Rüstungshersteller. Syrien ist derzeit nur eines von vielen traurigen Zeugnissen der Politik dieser 40.000.

Nun ist das natürlich eine rein theoretische Überlegung, zeigt uns aber doch, auf welch dünnem Eis sich die 40.000 im Grunde bewegen und wie, genau betrachtet, die Massen-, Mehrheits- und letztlich Machtverhältnisse auf der Welt aussehen. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich will hier keineswegs in die Fußstapfen von Karl Marx treten (die wären mir eh viel zu groß). Ich richte keinen zweiten Aufruf an das weltweite Proletariat, sich zu vereinen. Obwohl es heute sicher noch größer geworden ist, als sich selbst Marx das hätte albträumen lassen.

Ich erhebe uns alle doch gerade in den Stand eines Unternehmers. Das passt nicht zum Proletariat.

Aber ich glaube – unter uns –, die 40.000 fühlen das schon ein wenig. Bestimmt ein mulmiges Gefühl. Denn wenn sie meinten, sie würden hier einen guten Job machen, bräuchten sie für den G20-Gipfel in Hamburg keine 15.000 Polizisten. Da wird doch deutlich, dass etwas nicht stimmt. Auch die rund 900 Verletzten bei dem Referendum in Katalonien 2017 sprachen Bände über sinnlose Staatsgewalt. Oder denken wir nur an die in vielen Ländern irgendwie doch manipulierten Wahlen, oder noch einmal an Syrien, Israel und Palästina …

Wir brauchen heute nicht mehr sehr weit in die Ferne zu blicken, um zu erkennen, dass in fast allen Ländern immer mehr Menschen genau das zum Ausdruck bringen: »Nee, so wollen wir das nicht mehr«. Direkt vor unserer eigenen Haustür, vor dem Bundestag in Berlin, in Gorleben, vor dem Stuttgarter Bahnhof, im Hambacher Forst, beim G20-Gipfel in Hamburg und davor schon in Heiligendamm; auf der Wall Street und an vielen anderen Orten in den USA, in Spanien, Marokko, Griechenland, Portugal, Tunesien, Syrien, Afghanistan, Israel, China, Tibet, Japan, Nigeria, Bolivien, Myanmar …

Wir begehen, meine ich, aber noch einen großen Fehler: Wir spielen nach deren Regelwerk, also auf dem Spielfeld, wo »die Macht« die Obermacht hat. Wir suchen Lösungen für unsere Probleme auf derselben Ebene, auf der sie entstanden sind. Natürlich sind Demonstrationen und Petitionen und dergleichen wichtig und haben häufig Erfolg – auch wenn diese Erfolge im großen Gesamtbild mitunter den Eindruck von Pyrrhus-Siegen machen mögen. Aber die Punkte, wo es wirtschaftlich wehtut, treffen wir damit noch nicht.

Wie sagte schon Einstein: »Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.«

Das führt uns direkt zur vierten Frage …